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„Ich heiße Anne“, sagte sie. „Anne Frank.“

Im Schatten der Westerkerk (Kirche) steht an einer der schönsten Wasserstraßen Amsterdams, in der Prinsengracht 263 ein stattliches Kaufmannhaus, erbaut 1635. Hinter der Fassade aber liegen ein Gefängnis und ein Ort der Denunziation. Heute erinnert es an die Opfer des Zweiten Weltkriegs, insbesondere jedoch an ein junges Mädchen, dessen man sich noch im 21. Jh. entsinnt.

Anne Frank, geboren 1929 in Frankfurt am Main, wohnt mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester in Amsterdam. Es ist das Jahr 1942 und es ist Krieg. Die Niederlande sind schon zwei Jahre von den Deutschen besetzt. Die Familie Frank ist jüdisch. Für Juden wurde es in dieser Zeit, selbst in den Niederlanden, schwerer ein normales Leben zu führen. Juden mussten einen Judenstern tragen, ihre Fahrräder abgeben und weder Autos noch Straßenbahnen benutzen. Juden durften nur zu bestimmten Zeiten einkaufen bzw. auf die Straße gehen. Annes Vater, der 1933 in Amsterdam die Firma „Opekta“ (Verkauf von Pektin, einem Pulver zu Herstellung von Marmelade) gründete, überschrieb diese an zwei seiner engsten Mitarbeiter, da es Juden verboten wurde eine Firma zu leiten. Obwohl Anne und ihre Familie mit jedem Monat mehr diskriminiert und Schritt für Schritt ihrer Menschenwürde beraubt wurden, obwohl sie immer öfter Angst haben mussten, machten sie aus ihrer Zeit während des Krieges das Bestmögliche.

An ihrem dreizehnten Geburtstag, am 12 Juni 1942, bekam Anne von ihren Eltern ein Tagebuch geschenkt. Am 14. Juni begann Anne Frank, in holländischer Sprache ihr Tagebuch zu schreiben.

„Es ist für jemanden wie mich ein eigenartiges Gefühl Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, dass ich noch nie geschrieben habe, sondern ich denke auch, dass sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird.“ (Anne Frank Tagebuch)

Schon am 6. Juli 1942, durch den Aufruf sich bei den Deutschen für ein Arbeitslager zu melden, versteckte sich die Familie Frank mit vier weiteren Personen im Hinterhaus der Firma „Opekta“ an der Prinsengracht 263. Annes Vater hatte schon ein Jahr vorher angefangen Möbel und weitere Kleinigkeiten in das Versteck zu bringen. Die ersten Tage im Versteck erlebte Anne wie einen „abenteuerlichen Ferienaufenthalt.“ Allerdings wurde Anne immer klarer, dass sie aus diesem Versteck erst mal nicht mehr heraus kam. Sie stand unter Schock. Noch vor kurzem hatte sie in der Sonne gelegen, nun begab sie sich in Gefahr, wenn sie zu nahe ans Fenster trat. Eben hatte sie noch über Geschichten gelacht, nun musste sie flüstern und jeden Gefühlsausbuch unterdrücken. Die Untergetauchten hatten zu jederzeit große Angst entdeckt zu werden. Tagsüber mussten sie leise gehen und leise sprechen, denn die Arbeiter im Lager durften sie nicht hören. Zwischen 9 Uhr und 17 Uhr durften sie weder den Wasserhahn aufdrehen, noch die Toilette benutzen. Zudem mussten sie aufpassen, dass die Nachbarn sie nicht hörten oder sahen. Den einzigen Kontakt zur Außenwelt hatten die Untergetauchten über die vier engsten Angestellten der Firma, u.a. Miep, die im Laufe der Zeit zu einer sehr wichtigen Person für Anne wurde. Miep Gieß beschrieb die Situation, die Familie Frank zu unterstützen Jahre später folgend: „Otto Frank holte tief Luft und frage: „Sind sie bereit, Miep, die Verantwortung zu übernehmen und uns zu versorgen, solange wir untergetaucht sind?“ „Selbstverständlich, habe ich geantwortet.“ Ein –oder zweimal im Leben gibt es einen Blickwechsel zwischen zwei Menschen, der sich mit Worten nicht beschrieben lässt. Einen solchen Blick tauschten wir.“ (Eine Geschichte für heute. Anne Frank)

Die Helfer kauften Nahrungsmittel, brachten Bücher mit und erzählten, was in Amsterdam alles passierte. Für Anne hingegen ist die Welt sehr klein geworden: ein paar Zimmer und ein Dachfenster, durch das sie den Himmel und den Turm der Westerkerk sehen kann. Sie schreibt in ihrem Tagebuch:

„Es beklemmt mich doch mehr, als ich sagen kann, dass wir niemals hinaus dürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden. Das ist natürlich eine weniger angenehme Aussicht.“ (Anne Frank Tagebuch)

Darum freute sich Anne immer, wenn Miep vorbei kam und ihr Bücher mitbrachte und über Neuigkeiten berichtete. „[…] normale Leute können nicht wissen, was Bücher für einen Eingeschlossenen bedeuten. Lesen, lernen und Radio hören sind unsere einzige Ablenkung.“ (Anne Frank Tagebuch)

Anne versteht es, in ihrem Tagebuch sehr treffend ihre Entwicklung und die großen und kleinen Ereignisse während der Zeit im Versteck in Worte zu fassen. Auch die Beziehung zu den Eltern wird thematisiert. Ihr Vater wird für sie zu einer großen Stütze im Alltag, der aufgrund der Enge des Hauses und der Vielzahl der Personen nicht konfliktfrei verläuft. Ihr Verhältnis zu den übrigen Erwachsenen ist schwierig. So glaubte Anne, von allen bevormundet zu werden. In den langen Tagen der Einsamkeit und Trostlosigkeit, der Auseinandersetzung nicht nur mit ihren Bewohnern sondern auch mit sich selbst, wurde das Tagebuch ihre Balancierstange, die ihre Stimmungsschwankungen auszugleichen half. Sie fühlte sich erwachsen und gleichberechtigt genug, mitreden zu können. Für die Erwachsenen jedoch war sie ein Kind und so behandelten sie Anne auch. Hierbei wird deutlich, warum Anne dieses Tagebuch führt. Just in der Lebensphase, in der sich Jugendliche naturgemäß von ihren Eltern abzunabeln und an einem neuen Umfeld zu orientieren beginnen, wurde Anne auf engstem Raum mit Vater und Mutter zusammengesperrt. In dieser Zeit erlebte sie ihre körperliche Entwicklung zur Frau. Das war bestimmt nicht einfach für sie, denn ihr fehlten der Umgang und das Gespräch mit gleichaltrigen Freundinnen.

So wurde das Schreiben für sie zum Ventil. Sie verschaffte sich durch ihr Schreiben die Luft zum Atmen in der Enge der sie missverstehenden Erwachsenen. Dem Tagebuch konnte Anne ihre Ängste und Träume, die Entdeckung ihrer eigenen Sexualität, den Konflikt mit ihren Eltern sowie ihre Bestrebung, Schriftstellerin zu werden, anvertrauen. Man merkt ihr jedoch an, dass es ihr beim Schreiben um mehr ging, als um einen geschützten Platz für ihre Geheimnisse. Das Schreiben an sich machte ihr einfach Spaß, war für sie eine Möglichkeit, sich darzustellen, aus Wörtern ein Bild von sich und der eigenen Person in der Welt zu machen.

Von diesem Mädchen erlebte allerdings ihre Umwelt nur die Oberfläche, jene Seite ihrer Persönlichkeit, die sie nach außen hin zeigte. Doch die andere Anne, die viel schöner, reiner und tiefer war, kannte niemand von den Menschen im Hinterhaus, denn Anne Frank selbst hatte sie vor ihnen verborgen. Diese andere Seite erhält ihren Ausdruck allein in ihrer schriftlichen Auseinandersetzung mit ihrem Tagebuch.

Am 1. August 1944 schreibt Anne zum letzten Mal Tagebuch. Am 4. August werden die untergetauchten verhaftet. Jemand – wer es war, weiß man bis heute nicht – hatte sie verraten. Sie stirbt im März 1945 im Lager von Bergen-Belsen an Typhus.

Das Versteck in der Prinsengracht 263 wird durch die Deutschen komplett ausgeräumt. Zuvor hatte Miep die Tagebuchaufzeichnungen, Fotos und Bücher der Familie vor den Deutschen in Sicherheit gebracht.

Am 3. Juni 1945 kommt der einzige Überlebende der Untergetauchten zurück. Otto Frank berichtet Miep, dass seine Frau tot sei, aber er die Hoffnung habe, dass Anne und ihre Schwester noch leben würden. Zwei Monate später erhielt er die traurige Nachricht, dass keine der beiden zurück kommen würde. Während der ganzen Zeit hat Miep Annes Tagebücher aufgehoben, um sie Anne selbst zurückzugeben. Weil nun sicher war, dass Anne nicht zurück kommen würde, übergab sie Otto diese. Otto liest sie mit Rührung und Erstaunen. So hatte er seine Tochter nicht gekannt.

Im Sommer 1947 erschien das Tagebuch der Anne Frank in einer Auflage von 1.500 Exemplaren. Damit hatte Otto Annes Wunsch, einmal eine Schriftstellerin zu werden, erfüllt. Mittlerweile ist das Tagebuch weltberühmt. Das Buch gibt es mittlerweile in mehr als fünfundfünfzig Sprachen. Es ist über 20 Millionen Male verkauft worden. In der ganzen Welt werden Straßen und Schulen nach Anne Frank benannt.

Obwohl Anne Frank ein Schicksal von vielen Juden war, die unter dem Holocaust zu leiden hatten, stimme ich mit der Einschätzung von Miep Gies überein, wenn sie schreibt: „Annes Leben und Tod ist ein individuelles Schicksal. Ein individuelles Schicksal – sechs Millionen Mal passiert. Anne kann nicht stellvertretend den Platz dieser vielen Individuen einnehmen, denen die Nazis ihr Leben geraubt haben. Anne ist nur eine von ihnen. Ihr Schicksal macht uns jedoch den immensen Verlust, den die Welt durch den Holocaust erlitten hat, begreifbarer. Anne, ein einfacher Teenager, hat mit ihrem Talent Herz und Verstand von Millionen Menschen berührt und so ihr Leben bereichert – hoffentlich auch ihren Blickwinkel erweitert. Ich konnte Anne nicht retten – und ich bin darüber tief erschüttert. Ich konnte ihr jedoch helfen, zwei Jahre länger zu leben. Zwar ist das junge Mädchen Anne tot, doch die Schriftstellerin Anne Frank lebt weiter, solange das, was sie geschrieben hat, Leser findet.“ (Das Mädchen Anne Frank. Die Biographie)

Somit ist der größte Wunsch von Anne Frank, „Ich will noch fortleben, auch nach meinem Tod“, in Erfüllung gegangen. (Anne Frank)

Wie aus der Prinsengracht 263 ein Museum wurde und wie emotional der Besuch des Hinterhauses war, wird im nächsten Beitrag veröffentlicht.

Die verwendeten Fotos von Anne Frank im Beitrag wurden von Frans Dupont gemacht (AFF Bazel, CH / AFS Amsterdam, NL).

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Kathi Autor
Name: Kathi
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